Stellungnahme zur aktuellen Berichterstattung in den Medien

In seiner Kolumne vom 16.09.2017 (http://www.tagesspiegel.de/berlin/martenstein-ueber-gesinnung-was-ist-ihre-sexuelle-orientierung/20338390.html) erwähnt Harald Martenstein eine von der Sigmund Freud PrivatUniversität und der Humboldt Universität zu Berlin in Kooperation durchgeführte Studie, die von der Senatsverwaltung Berlin – wie korrekt angemerkt wird – in Auftrag gegeben wurde. In Auftrag gegeben heißt, dass die Senatsverwaltung die Studie selbst nicht durchführt. Die Verantwortung für und Durchführung der Studie obliegen den genannten Universitäten, die dies – vertraglich geregelt – übernehmen. Dabei gehen sie nach den geltenden wissenschaftlichen Standards vor, was ethische und datenschutzrechtliche Bestimmungen einschließt. Konkret bedeutet dies, dass die Befragung freiwillig ist, jederzeit abgebrochen werden kann und dass Daten, anhand derer einzelne Schulen oder Personen identifiziert werden könnten, geschützt werden (z. B. durch die Form der Datenspeicherung und -löschung) und auf keinen Fall an Dritte, wie beispielsweise die Auftraggeberin, weitergegeben werden.

Ziel der Studie ist es, herauszufinden, wie Lehrkräfte und andere an Schulen tätige pädagogische Fachkräfte in Berlin mit Vielfalt und Diskriminierung umgehen und was sie über diese Themen denken. Schwerpunkte dabei sind sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, das bedeutet die Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechter bzw. Geschlechtsidentitäten, insbesondere die Situation lesbischer, schwuler, bisexueller, trans- und intergeschlechtlicher Jugendlicher. Hierzu finden sich Darstellungen/Beiträge bei Spiegel Online (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/berlin-lehrer-regen-sich-ueber-umfrage-zu-homosexualitaet-auf-a-1168567.html) oder dem Blog queer.de (http://www.queer.de/detail.php?article_id=29725).

Martenstein stellt die legitime Frage, wozu die freiwillige Angabe der sexuellen Orientierung der Lehrenden dient. Fragen zur Person (z. B. Geschlecht, Alter und sexuelle Orientierung) und ihren Annahmen und Einstellungen dienen dazu herauszufinden, wodurch der Umgang mit Vielfalt und Diskriminierung beeinflusst wird. Anders als in der Berliner Zeitung und dem Berliner Kurier am 18.09.2017 behauptet wurde, vermuten wir NICHT, dass sich „heterosexuelle Pädagogen gegenüber homo-, bi- oder transsexuellen Jugendlichen besonders auffällig verhalten“. Im Gegenteil: Bisherige Untersuchungen sprechen dafür, dass zwar der Kontakt zu nicht-heterosexuellen Personen einen Einfluss auf das Verhalten hat, die eigene sexuelle Orientierung darüber hinaus jedoch nicht. Gleichwohl ist es in der Wissenschaft üblich, auch solche Ergebnisse erneut zu prüfen, die nahelegen, dass es keinen Einfluss gibt. Die Erhebung sexueller Orientierung ist dabei kein Schwerpunkt unserer Befragung, sondern nur ein (vergleichsweise unbedeutender) Faktor unter vielen anderen. Berliner Zeitung und Berliner Kurier haben die entsprechende Passage in ihren Artikeln inzwischen angepasst (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/seltsame-befragung-berliner-lehrer-sollen-ihre-sexuelle-orientierung-preisgeben-28433162 und http://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/skandaloese-sex-umfrage-betten-schnueffelei-bei-berlins-lehrern–28433470).

Martenstein meint zudem, dass „’ausdrückliche’ Fragen nach der Gesinnung eines Lehrers nicht dem [entsprechen], was bisher in demokratischen Gesellschaften üblich war.“ Im Gegenteil, Fragen nach Einstellungen und Annahmen von Menschen sind in den Sozialwissenschaften und der Psychologie ein verbreitetes Vorgehen. Ergebnisse von Meinungsumfragen werden regelmäßig in den Medien unserer demokratischen Gesellschaft veröffentlicht und diskutiert.

Martenstein betont, dass nur „an ausgewählten Schulen“ gefragt wird. Die Studie arbeitet mit einer in den Sozialwissenschaften üblichen geschichteten Zufallsstichprobe. Dies bedeutet, dass aus allen Bezirken und Schulformen Berlins per Zufall eine Stichprobe von Schulen gezogen wurde.

Am Ende der Auswertung soll es möglich sein, einen Überblick zu geben, wie momentan mit dem Thema Vielfalt (insbesondere sexueller und geschlechtlicher Vielfalt) an Berliner Schulen umgegangen wird und was sich pädagogische Fachkräfte in Bezug auf das Thema an Unterstützung wünschen – deswegen ist eine Teilnahme nicht nur seitens der Senatsverwaltung, sondern auch von den Universitäten „ausdrücklich erwünscht“.

Die Projektleitung
Prof. Dr. Meike Watzlawik, SFU Berlin
Dr. Ulrich Klocke, HU Berlin

20.9.2017

Update 28.9.2018: Radiointerview durch Zora Alber mit Ulrich Klocke zur Erfassung sexueller Orientierung im Rahmen einer Befragung an Berliner Schulen bei 98.2 Radio Paradiso – hier zum Nachhören: