Psychologie im Nationalsozialismus

Psychologie in der ‚Ostmark‘. Zwischen Ideologie und Dienstbarkeit
Laufzeit: 1.4. 2016 bis 31.3. 2019

Projektteam:

  • Univ.-Prof. Dr. Gerhard Benetka (Projektleiter)
  • Dr. Thomas Mayer (Projektmitarbeiter SFU Wien)
  • DDr. Martin Wieser (Projektmitarbeiter SFU Berlin)

Assoziierte Mitglieder & Projektbeirat:

  • Univ.-Prof. Dr. Mitchell Ash (Institut für Geschichte, Universität Wien)
  • Univ.-Prof. Dr. Thomas Slunecko (Fakultät für Psychologie, Universität Wien)
  • Prof. Dr. Helmut E. Lück (Psychologisches Institut, Fernuniversität Hagen)

Während die Geschichte der akademischen Psychologie zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland extensiv erforscht wurde (Geuter, 1984; Graumann 1985; Herrmann & Zeidler, 2012), liegen vergleichbare Untersuchungen über die Transformation des Faches in Österreich bis heute nur in Form einiger schwer zugänglicher Einzelfallstudien aus den 1980er und -90er Jahren vor (Benetka, 1990, 1997). Dies lässt sich sowohl auf die österreische Verdrängungskultur in Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus zurückführen als auch mit einem lange tradierten Narrativ der Psychologie als „Opfer“ der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. Tatsächlich erfuhr die Disziplin jedoch einen intensiven Professionalisierungsschub durch die Einführung der Diplomprüfungsordnung 1941, die Besetzung zahlreicher neuer Lehrstühle und Berufsfelder sowie des Einsatzes psychologischer Testverfahren in der deutschen Wehrmacht und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Auf Basis umfangreicher und länderübergreifender Literatur-, Archiv- und Korrespondenzrecherchen sowie Zeitzeugeninterviews wird erstmals eine systematische Rekonstruktion der Brüche und Kontinuitäten innerhalb der österreichischen Psychologie zwischen dem „Anschluss“ 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges vorgenommen. Hierbei spielen sowohl die schon seit der Zwischenkriegszeit anhaltende Spannung zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Ansätzen, der Aufstieg der „Rassenpsychologie“ und Ganzheitspsychologie innerhalb des Faches eine wichtige Rolle, insofern sich zentrale Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung in psychologischem Gewand nachweisen lassen. Relevanter für den Aufstieg der Psychologie während des NS erwies sich jedoch die Verwertbarkeit psychologischen Wissens für Wehrmacht und Rüstungsindustrie, in der Jugendfürsorge und im Kontext der Sterilisation und Tötung „lebensunwerten“ Lebens (Rudolph, 2007).

Neben der Veröffentlichung von Einzelfallstudien über die wissenschaftspolitischen Strategien psychologischer Akteure während des NS wird eine Buchpublikation zur Geschichte der Psychologie während des NS in der „Ostmark“ angestrebt, welche sowohl einem psychologischen und wissenschaftshistorischen Fachpublikum als auch einer interessierten Laienöffentlichkeit Zugang zu dieser bisher nur lückenhaft erforschten Phase in der österreichischen Wissenschaftsgeschichte ermöglicht.

Siehe auch: Bericht über das Projekt auf science.orf.at vom Oktober 2016

Literatur
Benetka, G. (1990). „Dienstbare Psychologie“: Besetzungspolitik, Arbeitsschwerpunkte und Studienbedingungen in der „Ostmark“. Psychologie & Gesellschaftskritik, 16(61), 43-81.

Benetka, G. (1997). „Im Gefolge der Katastrophe…“ Psychologie im Nationalsozialismus. In: P. Mecheril & T. Thomas (Hg.), Psychologie und Rassismus (S. 43-72). Hamburg: Rohwolt.

Geuter, U. (1988). Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus. Frankfurt: Suhrkamp.

Graumann, C. (Hg.) (1985). Psychologie im Nationalsozialismus. Berlin: Springer.

Herrmann, T. & Zeidler, W. (Hg.). (2012). Psychologen in autoritären Systemen. Frankfurt:Peter Lang.

Rudolph, C. (2007). „Ich ersuche höflich um Anstellung als Kinderpsychologin in der Wiener städtischen Nervenklinik für Kinder…“ Zur Professionalisierung der Psychologie am Beispiel des Wiener Fürsorgewesens in der NS-Zeit. Wien: Unveröff. Diss.

Gefördert von:

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Projektcode: P13-1578 Projektnummer: P 28119

Assoziiert mit:

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